Body Positivity einer Zwillingsmama: Der Weg zurück in den eigenen Körper

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Während der Zwillingsschwangerschaft verändert sich unser Körper. Die einen lieben diese Veränderungen, die anderen fühlen sich von Tag zu Tag weniger wohl und können diese körperlichen Veränderungen schlecht annehmen. Valentina erzählt heute in Body Positivity einer Zwillingsmama über ihren langen Weg zurück in den eigenen Körper:

“Es gibt ein Foto von mir nach der Geburt meiner Töchter, bei dem seitlich unter der
Bettdecke der Liege im Kreißsaal meine Bauchdecke wenige Zentimeter herauslugt. Ich habe das Foto nur einmal gesehen. Eigentlich war es das ideale “offizielle” Bild aus dem Kreißsaal mit dem liebevollen Blick für meine gerade erst geborenen Kinder, den mein Mann festgehalten hat. Wäre da nicht diese unsagbare Menge an Haut gewesen, die links an mir herunterhing und mir den Anblick des Fotos verdorben hat. Wir fanden ein besseres Foto.

Mein “Du siehst doch super aus”-Gewicht

Ich bin keine ausgesprochen große Frau, 1,75 Meter messe ich. Wohl etwas über dem Durchschnitt. Zierlich bin ich aber auch nicht. Mein Gewicht mäanderte vor der
Schwangerschaft mal in kleinerem, mal in größerem Radius um die siebzig Kilogramm herum. Mein “Du siehst doch super aus”-Gewicht. Selbst würde man die 7 vorne lieber nicht mehr sehen, aber eigentlich sind das wenige Gramm, auf die man nur selbst achtet. Einigen Frauen meiner Generation dürfte das ähnlich gehen.

Body Positivity wurde uns, die wir eine 8 im Geburtsjahr haben, noch nicht ins Stammbuch geschrieben.

Dass ich fortan also einiges mehr an Haut an mir hatte, erfüllte mich nicht gerade mit Glücksgefühlen. Auch wenn solche Überlegungen in den ersten Wochen mit den Kindern tatsächlich überhaupt keine Rolle spielten.
Außerdem, und das sage ich nicht ohne Stolz, habe ich mein Wohlbefinden schon immer eher daran festgemacht, ob mir die Kleidung aus meinem Kleiderschrank passt. Wenn es damal kniff, hat mich das viel mehr genervt als eine digitale Anzeige das je vermocht hätte.

Einkaufen, damit die Kleidung wieder passt und nicht, weil ich mir etwas Neues gönnen wollte? Allein schon deswegen habe ich lieber die Linie gehalten.

Body Positivity einer Zwillingsmama: Frieden mit der nächsten Kleidergröße?

Dennoch, als wir die Hormonbehandlung für unseren Kinderwunsch begannen, musste ich meinen Frieden mit der nächsten Kleidergröße schließen. Mein Ess- und
Bewegungsverhalten änderten sich nicht, meine Kurven dafür umso mehr. Ein Paar neue Jeans, ein, zwei neue Tops und ich habe mich in Bundweite 31 und Kleidergröße 40 eingerichtet. Was tut man nicht alles? Ich habe in dieser Phase aufgehört, mich zu wiegen.

Auch an dem Tag, an dem wir nach eineinhalb Jahren Herantasten unsere erste IVF
absolvierten, war mir mein Gewicht nicht bekannt. Auf die Frage des Anästhesisten nach meinem aktuellen Gewicht antwortete ich 75 Kilogramm. So sagte mir das meine innere Waage. Wie viel konnte ich davon schon abweichen?

Nach der zweiten IVF wurde ich schwanger. Zwillinge. Beim Ausstellen des Mutterpasses war erneut mein Anfangsgewicht gefragt. Ich blieb bei der Aussage, es seien 75 Kilogramm, ohne es zu wissen. Die Schwangerschaft war schon ein paar Wochen vorangeschritten, wir hätten es nicht mehr ermitteln können. Und mit jedem Termin im Labor schnellte der Zeiger in ungeahnte Gewichtssphären. Ich solle unbedingt ein Foto machen, wenn ich die 100er Marke knacke, sagte mein Mann.

Spoiler: Das haben wir nie geschafft, auch wenn die
Sprechstundenhilfe im dritten Trimester immer parat stand, um das Siegerfoto zu schießen.

Ich sollte vielleicht erwähnen, dass meine beiden Schätze sich mit ihrer jeweiligen
Fruchtblase ganz schön Platz verschafft haben in meinem Bauch. Mein Gynäkologe sagte von Anfang an: Das sind Schwestern, die am gleichen Tag geboren werden. Wie zwei Schwangerschaften in einer. Und so wuchs mein Bauch von Woche zu Woche zusehends.

Meine Töchter kamen erst zehn Tage vor dem errechneten Termin zur Welt und brachten 3000 und 2400 Gramm Startgewicht mit. Als ich beide im Kreißsaal in den Armen hielt, entstand das Foto, das mein Mann von der Seite machte und das ich nicht wieder sehen möchte.

Der Körper im Alltag

21 Monate ist das nun her.
Ich bin keine, die sich ungern bewegt, auf den Rückbildungskurs habe ich mich sehr gefreut. Ich bin aber auch so gestrickt, dass ich mir keinen Sport zu machen wunderbar schönreden kann.

“Heute war es wirklich anstrengend mit den Kids, eine hat praktisch durchgeweint, ich hab den Zwillingswagen hunderte Meter den Hügel hoch zum Spielplatz geschoben” … you name it.

Das einzige, was unkontrolliert kontrolliert weiterlief, war, dass ich im ganz normalen Alltag nicht dazu kam, mich vernünftig zu ernähren. Bevor die Zwillinge bei einer Tagesmutter betreut wurden, habe ich oft nur deren verschmähten Reste vom Brei mit Olivenöl und Salz gepimpt, zwei Scheiben Brot dazu – fertig war das Mittagessen. Abends mit meinem Mann sah das natürlich schon besser aus.

Gewichtsabnahme also: Check.

Mich wieder zuhause in meinem Körper fühlen: In weiter Ferne.

Irgendwo habe ich gelesen, dass die Rückkehr zum eigenen Körper bei
Einlingsschwangerschaften etwa so lange dauert, wie das kleine Wunder darin zu Gast war. Kann das auch für Zwillinge gelten? Ich denke nicht. Noch dazu hatte ich zig Hormontherapien hinter mir, die mir lange vor meinem “Es sind zwei!”-Moment das Gefühl genommen haben, in meinem Körper zu sein.

Ich bin einmal in der Woche wegen Rückenproblemen beim Reha-Sport und vor drei
Monaten habe ich wieder mit Yoga angefangen. Ein tolles Gefühl, wenn man schwierige Positionen und Verrenkungen wieder einigermaßen unfallfrei hinbekommt. Mein mir ureigenes Körperbewusstsein brachte aber auch das nicht zurück. Schaut mir im Spiegel immer noch der Rest dieser hängenden Bauchdecke entgegen. Paradoxerweise erfüllt mich diese jedoch auch mit Stolz. Ich habe ja wirklich etwas ganz besonderes geleistet. Dennoch.

Mein eitles Ich verlangt sein Recht.

Inzwischen arbeite ich auch wieder 30 Stunden in der Woche. Unsere Töchter verbringen seit kurzem 35 bis 40 Stunden bei der Tagesmutter. Also habe ich mir vorgenommen, den Sportanteil in meiner Alone-Time hochzuschrauben. Pustekuchen! Denn natürlich ist mal eine oder beide krank, mal erlauben es die Arbeitstermine nicht und mal ist man körperlich einfach zu schlapp, um noch irgendetwas mehr zu leisten, als sich eine Stunde vorm Schlafengehen vom Smartphone unterhalten zu lassen. Hand aufs Herz.

Wie habe ich es also geschafft, mich wieder im Bereich körperlichen Wohlbefindens einzunorden?

Tja, ganz einfach.

Ich habe in der anhänglichsten Phase, die meine Zweitgeborene je durchlebt hat, mit meinem Mann einen Urlaub “absolviert” – es gibt kein
besseres Wort dafür. Ich habe mein 11-Kilo-Mädchen kilometerweit durch zwei europäische Metropolen geschleppt und stundenlang den Mittags- und Nachtschlaf dauerbetreut und ergo wieder jede Zeit verloren, die für die Aufnahme ganzer Portionen Mahlzeiten notwendig wäre. Das merkte nicht nur mein Bizeps, sondern auch mein Bauch hat das mitbekommen.

Auf dem Weg in einen selbstbestimmten, regulierten Alltag bin ich noch nicht. Als
Zwillingsmama hat man es in den ersten Jahren wirklich knüppeldick mit Carearbeit zu tun. Also habe ich einen zweiten Frieden mit folgender Tatsache gemacht: Bis meine Mädels nicht aus dem Gröbsten raus sind und uns Eltern nicht klar kommunizieren können, was sie wollen oder wo es gerade zwickt – so lange bin ich nicht Herrin über meine Zeit. Und das ist okay so.

Ich kenne mein Gewicht aktuell nicht. Aber meine Kleidung aus der Kinderwunschzeit passt ohne Kneifen. Also werde ich auch diese Phase mit einem Lächeln überstehen.

Da bleibe ich mir treu.

Liebe Valentina, wir sind Dir so dankbar für Deine ehrlichen Worte, in denen sich sicher viele Mamas wiederfinden werden. Unser Körper leistet erstaunliches und doch fühlen wir uns manchmal teilweise oder gar nicht wohl. Unser Wohlfühlgewicht zu finden, unseren Frieden mit unserm Körper zu machen, kann ein langer Weg sein. Um so schöner zu wissen, dass Frau mit diesem Gefühl nicht alleine ist.”

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